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Felix Scheidl

Fremde Eltern

Wenn Richter und Jugendämter in Deutschland über die Zukunft von Kindern aus Scheidungsfamilien entscheiden, zählt meist der Kindeswille. Doch sitzen Kinder im Trennungskrieg zwischen den elterlichen Fronten, wissen sie selbst nicht mehr was sie wollen. Interressensverbände und Politiker fordern eine bessere psychologische Ausbildung für Juristen.

Felix Scheidl für die Bayerische Staatszeitung (Die Seite 3)

Anne hat Angst – vor ihrem Ex-Mann und ihrem eigenen Sohn. Eigentlich heißt sie nicht Anne, aber in diesem Text will sie ihren Namen nicht lesen. Sie wohnt im sechsten Stock eines Wohnblocks in München. Vom Balkon hat Anne einen schönen Blick über die Innenstadt mit seinen vielen Grünflächen und Kirchen. Unter einem der Dächer, die Anne von ihrem Balkon in der Weite sieht, muss ihr Sohn leben. Wo genau weiß Anne nicht, denn seit ihrer Trennung vor zwölf Jahren, hat sie nur selten von ihm gehört.

Auch Gewalttätig sei ihr Ex-Mann gewesen, er habe Anne geschlagen, erzählt sie. „Ich wusste, dass eine Trennung zu einer Katastrophe führt“, sagt sie heute. Eines Nachts setzte sie ihr Mann vor die Tür. Anne entschied nicht mehr zurückzukehren. Ihr Mann forderte Anne später auf, zur Familie zurückzukehren – doch sie hatte Angst, wieder in den Strudel der psychischen und körperlichen Gewalt zu geraten. „Er begann zu Stalken: rief mich bis zu vierzig mal am Tag an oder tauchte unangekündigt bei mir in der Arbeit auf,“ erzählt Anne. Mit ihrer Trennung gerieten auch ihr Sohn, damals 16 und ihre Tochter, damals 12 in den Scheidungskrieg. Kaum hatte Anne den Kontakt zu ihrem Mann abgebrochen, sprachen auch ihre Kinder nicht mehr mit ihr. Für die Kinder war Anne schuld an der Trennung – so zumindest hatte es der Vater erzählt, bei dem die Kinder lebten.

Dass es immer wieder vorkommt, dass ein Elternteil Kinder entfremdet, weiß die Würzburger Psychologin Christiane Förster. Annes Fall bezeichnet sie als besonders schweren Entfremdungs-Fall: „Kinder werden bei Sorge- und Umgangsrechtsstretigkeiten immer wieder instrumentalisiert. Das mündet meist im Hass gegen einen Elternteil, wenn Richter und Psychologen nicht unverzüglich eingreifen.“ PAS, parental alienation syndrom oder Eltern-Kind-Entfremdung, nennt man dies. In Amerika ist das Syndrom seit 1985 bekannt. In Deutschland hingegen kennen sich bis heute die wenigsten Richter, Anwälte, Psychologen, Gutachter und Jugendämter mit der Entfremdung aus. Also die Stellen, die über die Unterbringung der Kinder in Streitigkeiten entscheiden. „Wenn die Kinder empfänglich für Entfremdung sind, kann ein Elternteil sie gänzlich gegen den Ex-Partner aufhetzen. Sollen Kinder dann vor Geicht sagen, ob sie beim Vater oder der Mutter leben wollen, haben sie längst keine eigene Meinung mehr“, so Förster.

Das musste auch Anne erfahren: Im Sorgerechtsverfahren entschieden die Kinder, dass sie beim Vater leben wollten. Der Richter folgte dem Willen der Kinder. „Meine Tochter sagt heute, dass das nie ihr eigener Wille war. Ihr Vater hatte ihnen täglich eingeredet, ich sei Schuld an der Trennung. Er hatte sie sogar gezwungen mich in Anrufen und Briefen zu beschimpfen“, sagt sie. Und hörte Anne über Jahre nur in Drohbriefen und Beschimpfungen am Telefon von ihren Kindern. Auf Pakete und Briefe, die sie ihren Kindern schickte, erhielt sie nie eine Antwort. Im Scheidungsverfahren bekam Anne ein Sorgerecht und Umgangsrecht für die Kinder zugesprochen. Ein Recht auf die Sorge für ihre Kinder, die vom Vater gegen sie aufgehetzt waren.

Ämter überfordert

„Ich wusste, dass mein Mann gewalttätig war, dass er den Kindern den Umgang mit mir verbot, sie gegen mich aufhetzte. Für eine Einigung war es zu spät. Die Kinder mussten weg von ihrem Vater“, sagt Anne. Sie meldete sich beim Jugendamt. Doch auch das konnte ihr nach mehren Gesprächen mit Vater, Tochter und Sohn nicht helfen. Am 28. Mürz 2002 schrieb das zuständige Amtsgericht nach den Gesprächen der Familie mit dem Jugendamt, dass ein „schwerer Elternkonflikt“ zu erkennen sei. Außerdem gebe es „Hinweise, das die Tochter in dem Konflikt instrumentalisiert wird und sehr unter Druck steht.“ Am Telefon soll das Jugendamt ihr gegenüber sogar zugegeben habe, dass man davon ausgehe, dass der Vater gewalttätig sei, aber sich nicht traue, in die Familiensituation einzugreifen. „Seitdem habe ich weder vom Amtsgericht, noch vom Jugendamt etwas gehört“, sagt Anne.

Solche Verfahren mit überforderten Juristen kennt Rechtsanwalt Jürgen Rudolph: „Ich war 30 Jahre Familienrichter, und habe die ersten 14 Jahre die selben Fehler gemacht, die heute wie sie heute noch Standard sind“, sagt er heute. Er habe, wie es viele Richter noch immer tun würden, über die Zukunft von Familien entschieden, ohne die Verantwortung der Eltern anzufordern.

Rudolph wollte etwas ändern und gründete mit Kollegen die Cochemer Praxis – benannt nach der Mosel-Stadt, in der Rudolph 29 Jahre Familienrichter war. Nach der Praxis müssen die Eltern besonders nach der Trennung ihre Verantwortung für die Kinder wahrnehmen. „Wir erarbeiten mit den Eltern eine Lösung für die Kinder. Es gibt einen frühen Gerichtstermin, in dem alle Seiten zu Wort kommen“, erklärt Rudolph. Und wenn zunächst sich nicht alle Beteiligten auf eine Lösung für die Kinder einigen können, gehe das Verfahren in einer Schlichtung weiter – bis sich alle Familienmitglieder auf eine Lösung geeinigt haben. „Dann ersetzt die Entscheidung der Eltern die des Gerichts“, so Rudolph.

In einigen deutschen Städten, wie Augsburg, laufen Scheidungen bereits erfolgreich nach der Cochemer Praxis ab. Hier sind alle Beteiligten: Richter, Anwälte, Jugendämter, Sacherständige, Beratungsstellen und Verfahrensbeistände sind informiert, und wissen wie wichtig ein schnelles Ende aller Streitigkeiten für die Kinder ist. Doch Annes Richter und Entscheider beim Jugendamt hatten weder von Eltern-Kind-Entfremdung, noch von der Cochemer Praxis gehört. Bis sie selbst auf das Phänomen PAS aufmerksam wurde, waren ihr die Kinder längst fremd.

Bei Anne kam bald eine kleine Wendung: Kurz vor ihrem 16. Geburtstag floh Annes Tochter von ihrem Vater und stand vor Annes Haustüre. Anne hatte ihre Tochter vier Jahre nicht mehr gesehen, doch sie wusste: „Ich muss funktionieren, wenn meine Kinder vor der Türe stehen. Dann musste ich für sie da sein.“ Annes Tochter zog bei ihrer Mutter ein, blieb und erzählte wie sie und ihr Bruder von ihrem Vater gegen Anne aufgehetzt wurden. „Meine Tochter hatte ein sehr schlechtes Gewissen nach den vielen hasserfüllten Jahren.“ Anne selbst versuchte die Scheidung nicht auf die Kinder abzuwälzen: „Das war eine Sache zwischen meinem Ex-Partner und mir und hätte nie auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden dürfen“, sagt sie.

Laut statistischem Bundesamt wird in Deutschland inzwischen jede zweite Ehe geschieden. Die Themen Scheidung und Eltern-Kind-Entfremdung betreffen längst nicht mehr eine Randgruppe. Das hat auch die bayerische Politik bemerkt – und will Kinder aus Trennungsfamilien besser schützen. Im Mai gab es einen Beschluss der Kinderkommission im Bayerischen Landtag zum Thema Eltern-Kind-Entfremdung. Darin empfiehlt die Kommission einstimmig eine Qualifizierungsoffensive für alle an Scheidungsverfahren beteiligten Berufsgruppen, wie Richter, Mitarbeiter von Jugendämtern, Anwälten und Gutachtern. „Besonders Juristen, die kaum psychologisch auf solche Probleme geschult sind, müssen für solche Probleme besser Ausgebildet werden“, fordert die Vorsitzende der Kinderkommission Dr. Simone Strohmayr, SPD.

Strohmayr fordert seit längerem eine verbindliche Fortbildungspflicht für Familienrichter und -Anwälte im psychologischen Bereich. Zwar gebe es freiwillige Fortbildungsangebote für Juristen, aber eine verpflichtende Regelung müsse her. Eine Forderung, die die andere Parteien für nicht durchsetzbar halten: „Immer wieder werden verfassungsrechtliche Bedenken laut, weil der Richterberuf laut Verfassung in seiner Entscheidung frei ist. Aber es muss hier möglich sein, weil es um das Wohl der Kinder geht“, sagt Strohmayr.

Mit dem Beschluss der Kinderkommission ist Strohmayr ihrem Ziel zumindest ein Stück näher gekommen: „Nun müssen wir politisch erreichen, dass das Scheidungsverfahren mehr am Kind ausgerichtet wird“, sagt Strohmayr. Zu oft müsse sie von Lehrern und Eltern aus ihrem Wahlkreis hören, dass Kinder unter Scheidungen leiden – und nicht wissen, zu welchem Elternteil sie halten sollen.

Annes Sohn ist inzwischen erwachsen. Zu ihm hat sie bis heute keinen Kontakt aufbauen dürfen. „Meine größte Angst war, dass ich meinen Sohn eines Tages auf der Straße sehe und ihn nicht mehr erkenne“, sagt Anne. Ihre Angst war unbegründet: Vor einem Jahr sah Anne sah ihren Sohn zufällig auf der Straße und sprach ihn an. „Er hat gesagt, dass ich eine gute Mutter war, er aber keinen Kontakt zu mir aufnehmen kann – ohne irgendeine Begründung.“ Auf ihrem täglichen weg zur Arbeit, lassen Anne die Gedanken noch immer nicht los: „Wenn ich im Auto sitze, sehe ich immer aus dem Fenster, denke an meinen Sohn und daran, dass er hier jederzeit über die Straße laufen könnte.“

Foto: Fotomania, Pixelio.de

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